Mein erstes Mal in Rock & Heels in der Öffentlichkeit

Jap, du liest richtig. Ich schreibe hier knapp eine Stunde nach meinem ersten Mal als Mann im Lederrock, Leggings und Ankle-Boots auf der Straße. Und das nicht an Fasching, nicht an Karneval sondern ganz ernsthaft an einem Sonntag. Es war Vormittag, strahlender Sonnenschein, Frühlingswetter und in Hamburg. Frühling deshalb, weil zwischen diesem Post und meinem „ersten Mal“ einige Monate vergingen.

Unsre sieben Sachen

Es war mal wieder ein toller Kurstrip. Nicht sonderlich erholsam, aber dafür umso erlebnisreicher. Ein Wochenende Hamburg lag hinter uns, Hafenrundfahrt, Museum und Barbesuche inklusive.
Wir packten also nun wieder langsam unsere sieben Sachen im Hotelzimmer zusammen und verstauten alles ordentlich in den Koffern. Unser Kurztrip neigt sich also nicht nur dem Ende zu, nein er ist faktisch vorüber.
Dieses Mal war „diese Sache“ überhaupt kein Bestandteil unserer Unternehmungen. Muss es ja auch nicht, denn Frauenkleider waren in unserer Partnerschaft etwas völlig normales – für uns, für mich, für sie und für beide. Doch sonst, auch wenn ich alleine reiste, schmiss ich mich schon mindestens einmal in Schale und schoss mindestens ein Bild, da der Blog und Social Media mittlerweile größere Bekanntheit erlangt.
Meine Frau duschte noch, während ich dann also doch noch einmal die Chance ergriff um Bilder in einem völlig neuen Setting zu machen. Es kommt schließlich auf die Abwechslung an! Die Leserinnen und Leser des Blogs sowie jeder einzelne Follower auf Insta oder Pinterest mag es, wenn die Outfits und Locations hin und wieder wechseln. Klar, denn sonst wird es ja auch eintönig. Ein neues Outfit sprang immerhin auch dieses Mal bei der vor abendlichen Shopping Tour heraus. Es war ein neongrüner Schlangenleder Minirock (Kunstleder natürlich) und ein Crop Top mit schwarzem Chiffonstoff zum schnüren. Etwas, was ich schon als relativ gewagt und besonders, jedoch nicht als allzu alltagstauglich beschreiben würde. Alltagstauglich wären da schon eher Mini- bzw. Midiröcke aus dunklem Material, eine dezente Bluse und normale Boots bzw. Pumps.

Muss man wirklich immer B sagen, wenn man A sagt?

Es war nicht mehr viel Zeit zum Checkout und meine Frau wies mich noch schnell daraufhin, dass ich mir jetzt etwas bequemes für die Fahrt anziehen solle. Bei uns wir die Zeit am Ende relativ häufig „knapp“. Warum, weiß eigentlich keiner so genau, es ist aber so. Dieser Hinweis kommt mal von mir und mal von ihr. „Gut“, dachte ich mir, „wenn sie meint, schauen wir mal, was wirklich bequem ist“.
Ich entschied mich zunächst scherzhaft für einen dunkelgrünen Lederrock mit Taschen, eine Wetlook Leggings und ein Paar hoher Ankle-Boots – oder auch Stiefeletten – in Wildlederoptik, die eigentlich zum diesjährigen Faschingsoutfit gehört hätten. Da aber mal wieder alles ausgefallen ist, erblickten die Schuhe noch nicht das (Sonnen-)Licht der Welt. Ich packte also in besagtem Outfit seelenruhig die letzten Teile zusammen, bis auch der letzte Beutel im Koffer verschwand – fertig. So stand ich also nun neben dem Bett mitten im Hotelzimmer und wartete darauf, dass auch meine Partnerin fertig wurde.
Mehr als ein kurzes „naja, wenn du dich traust“ hatte sie zunächst nicht für das Outfit übrig, winkte mich dann zur Tür und wies noch einmal auf die Zeitknappheit hin. Diese ganze reizvolle Situation triggerte mich so sehr – und die Tür des Zimmers fiel ins Schloss.

Wenn das kalte Wasser extrem kalt ist

Es gibt nicht viel, was ich in dieser Situation nachträglich hätte bemängeln oder gar bereuen können. Aber eine Sache gibt’s dann doch noch! Warum um alles in der Welt hatte ich mir keine Apple Watch besorgt um meinen Puls zu messen und nachträglich die Herzschlagkurve hier zu posten? Ich nehme an, dass der Puls deutlich jenseits der 100er Marke, vielleicht nicht mehr weit von der 200er Marke gelegen haben muss. Mein Fokus war jedoch auf den absoluten Tunnelblick eingestellt.

Gerade jetzt mussten die Room Service Trupps am aktivsten sein. Gerade jetzt müssen so viele mit uns auschecken. Ausgerechnet jetzt waren die zwei Aufzüge des zehnstöckigen Hotels bestens besucht und brauchten eine gefühlte Ewigkeit. So standen wir also und warteten auf den Aufzug, der uns in die Tiefgarage befördern sollte.

Ich hörte von weitem ein anderes Pärchen mit ihren Koffern über den Flur anrollen und wollte just in genau diesem Moment in den Erdboden versinken. Doch der ging genauso wenig auf, wie die Fahrstuhltür. So warteten wir also in zweier Grüppchen auf den Fahrstuhl. Ich konnte es kaum glauben, dass ich jetzt tatsächlich gerade in einem Rock, hohen Schuhen, Bluse und einer Leggings stecke und ganz normal auf den Fahrstuhl in einem Hotel warte.

Endlich ging die Tür auf und Dank der Pandemie (ja, das ist etwas seltenes, dass man der Situation doch mal etwas positives beimessen kann) war ja mit zwei Personen die Höchstgrenze an Menschen im Lift ohnehin schon erreicht. Endlich! Gefühlt habe ich nun sicheren Boden unter den Füßen, den Himalaya erklommen und war nun endlich auf der obersten Plattform angelangt. Aber Moment: Da war ja noch der Weg nach unten, die Tiefgarage, der Weg zum Auto, das Beladen des Autos und auch wieder zurück zum Lift, hoch zum Zimmer und die übrigen Koffer holen.

Sogleich kamen wir in der untersten Etage an, gingen aus dem Fahrstuhl und entgegneten einem weiteren jungen Pärchen – was auch sonst. Zu meiner großen Verwunderung, hat sich aber von beiden erstmal niemand für mein Outfit interessiert und wir konnten mehr oder weniger ungehindert zum Auto gehen. Dort angekommen, musste meine Frau ein wenig aus der Lücke fahren, damit wir Dinge auf der Rückbank verstauen konnten.

Natürlich kamen massig Autos an uns vorbei, doch hatte ich einen Job: das eigene Auto zu beladen. Dieses kalte Wasser, in welches ich da sprang, war so enorm kalt, dass ich überhaupt nicht klar denken konnte. Ich konnte es aber auch leider ebenso wenig genießen, dass ich das gerade eben tue.

Upside Down

So ging es wieder zurück zum Fahrstuhl um die restlichen Sachen aus dem Zimmer ab zu holen. Natürlich warteten wir auch hier nicht alleine, aber das störte mich an der Stelle nicht mehr so sehr. Trotzdem bewegte ich meinen Kopf nicht um bloß keinen versehentlichen Blickkontakt mit anderen Menschen als meiner Frau herstellen zu müssen. Bis zum Zimmer begegneten wir niemandem mehr und die letzten Koffer waren auch rasch aus dem Zimmer geholt.

„Jetzt wäre es überhaupt nicht sinnvoll, wenn wir erst in die Tiefgarage fahren und dann wieder hoch in die Rezeption zum Karten auschecken“, sagte sie. „Ja da hast recht“, entgegnete ich, wohl wissend, dass es dort vermutlich nicht sonderlich leer sein würde. „Traust du dich?“, fragte sie mich noch, als ich mir dachte „wenn jetzt nicht, wann dann?“. Ich atmete kurz durch und dann ging es los.

Und es kam wie es kommen musste. Die Lobby war brechend voll, es wartete eine enorm lange Schlange darauf endlich auszuchecken und die Bar war auch besetzt. Wunderbar!

Jeder ist immer mit sich selbst beschäftigt

Ich war das beste Beispiel in der Situation! Ich war absolut mit mir beschäftigt und damit, jetzt absolut cool zu bleiben. Klar brannten sich die Gesichter aller Personen ein, die Lobby, der Geruch und der leichte Wind, der durch die Halle zog. Natürlich kann ich mich bestens an diese prägende Situation erinnern. Aber zu meiner positiven Überraschung, waren die allermeisten dort tatsächlich mit sich und dem eigenen Kosmos beschäftigt.

Sicherlich nickten von den vielen Menschen eine kleine Hand voll Köpfe verstohlen und leicht zu mir rüber, doch was ich mir in meinen schlimmsten Vorstellungen ausgemalt hatte, ist alles nicht passiert. Ich wurde weder angegriffen noch beleidigt. Auch eine Lehre, die ich daraus ziehen kann: Im Kopf wird jede Situation prinzipiell enorm viel mehr aufgebauscht als nötig. So konnten wir problemlos unsere Zimmerkarten abgeben und die restlichen Sachen ins Auto bringen.

Wir entschieden uns dann noch mit dem Fahrzeug außerhalb der Tiefgarage am Straßenrand zu parken und über den Park zu spazieren um einen Bäcker aufzusuchen. Das war dann die erholsamste und coolste Erfahrung des ganzen Tages! Weil es tatsächlich ein befreiendes Gefühl war, bzw. ich stolz auf meinen Mut – und außerordentlich stolz auf meine Frau war!

Uns kamen zwar ein paar Leute entgegen, aber auch da ist nichts von dem passiert, was mein Gedankenmonster sich ausgemalt hatte. Und ich habe ein äußerst kreatives Gedankenmonster! Nur am Ende der Straße angekommen, blickten wir in das Schaufenster der Bäckereistube und ich entschied, dass ich es mir ab diesem Moment nicht mehr zutraue durch die Glastür zu gehen, bei den ca. 20 wartenden Menschen vor dem Tresen und noch ein paar anderen Sitzenden und Essenden. Es ist einfach etwas anderes, wenn Du knapp einhundert Meter auf ein Ziel zuläufst oder in das kalte Wasser springst, wie zu Beginn des Experiments.

Zeit verging wie im Flug

So traten wir den Rückweg zum Auto an und ich sprang kurz in „normale“ flache Schuhe, eine „normale“ Hose und zog den Rock aus.

Ich kann dir jetzt absolut nicht sagen, wie viel Zeit zwischen „ich zieh’s jetzt einfach mal an“ und „jetzt ziehe ich es wieder aus“ vergangen war. Gefühlt nur drei Sekunden. Geschehen ist so viel wie in geschätzt zwei Stunden. Wahrscheinlich waren es aber nicht mehr als zwanzig bis dreißig Minuten. Jedoch wahrscheinlich einer der bislang prägendsten Erfahrungen rund um „diese Sache“.

Ich danke an der Stelle nochmals meiner Frau, die den ganzen Zirkus bis jetzt nicht nur mitträgt sondern aktiv unterstützt und wünsche dir, falls Du selbst ein Mann bist, der sich gerne an Röcke, Kleider & co rantasten möchte, oder wenn Du eine Frau bist, mit einem Mann, der das gerade tut oder schon getan hat: Offenheit und Vertrauen sind der Schlüssel für alles im Leben. In Beziehungen, Hobbies oder anderen (extremen) Dingen.

Ich freue mich jederzeit über Feedback: Wer bist Du? Hast Du einen Mann, der „Frauenkleider“ trägt? Bist Du selbst ein Mann, der gern in Kleider, Heels und Röcke schlüpft? Lass gern deine Erfahrungen mit diesem Thema da. Wir freuen uns sehr!

Geschrieben von Der Mann Im Kleid

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3 Comments

3 Kommentare

  1. Hallo, ich habe soeben deinen Artikel gelesen in „mein erstes Mal im Rock“ und kenne das Gefühl nur zu gut. Ich als Mann trage auf gerne Kleider und Röcke in meiner Freizeit. Meine Frau unterstützt mich dabei und findet meinem Style sehr schick. Wenn ich alleine unterwegs bin in Orten wo mich keiner kennt trage ich es auch gerne in der
    Öffentlichkeit. Anfangs immer
    Komisch aber nach einer kurzen Zeit gehts dann. Mich würde interessieren, wie deine Frau sich fühlt wenn Sie mit
    Dir ausgeht und du Kleider/Röcke trägst? Wie fühlt sich sich dabei wenn die anderen dich anschauen? Vg Manuel

    Antworten
    • Vielen dank lieber Manuel für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass dir der Blog Post gefällt.
      Ja wie fühlt sie sich dabei, das war tatsächlich auch eine Frage, die ich ihr beim ersten Mal direkt gestellt habe.
      Meine Frau wollte, dass ich geschützt bin. Das heißt, dass sie wahrscheinlich in diesem Moment aufgeregter war als ich.
      Die Blicke der anderen, so sagt sie, hat sie dabei gar nicht beachtet. Das war dann eher meine Aufgabe beim erstem Mal

      Antworten
  2. Hallo, danke für dein Feedback. Schön zu hören wie deine Frau dass gesehen hat. Manchmal wünschte ich mir man(Mann) könnte sich mal mit
    Gleichgesinnten austauschen diesbezüglich aber so etwas habe ich noch nicht gefunden. Idealerweise natürlich auch mit Männern und deren Frauen dazu damit auch diese sich auszutauschen können und gegenseitig mal berichten wie sie es empfinden wenn ihr Mann Kleider und Röcke trägt. Ich finde es erstaunlich das sich unsere Beweggründe und Ansätze sehr ähneln. Gern würde ich mich mehr mit dir austauschen und von daher gibt mir gerne Bescheid wenn das auch in deinem Journalisten Interesse ist. Vg Manuel

    Antworten

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